»Susan sagt …«

Lifestyle-Kolumne aus der Mitte des Lebens – von Susan Bäthge

Vom Hinfallen, Aufstehen und Weitergehen

30. Januar 2021

Eine Selbststudie // Kinder tun es immer wieder. Sie fallen hin, stehen auf, gehen weiter. Sie geben nicht auf, bis sie das Laufen gelernt haben! Diese urkindliche Kraft wünsche ich uns allen im Erwachsenenalter. Wer widerstandsfähig ist und gestärkt aus einem Fall hervorgeht, gilt als resilient. Resilienz lässt uns Niederlagen, Herausforderungen, Schicksalsschläge – die JEDER erlebt – besser meistern. Und – diese Fähigkeit ist erlernbar, da sind sich Neurowissenschaftler einig.

Einen dazu wunderbar passenden Song hat der zauberhafte Mitch Keller geschrieben:
Steh auf, wenn du fällst
Du kannst nicht verlieren
Du musst alles geben
Es wird schon weitergehen


Bei einem gemeinsamen TV-Dreh sprachen wir über MUT und Mitch verriet mir: „Mein ganzes musikalisches Leben bin ich gefallen und wieder aufgestanden. Ich bin positiv zur Welt gekommen, mache immer aus allem das Beste!“ sagte er mir. 

Das ist auch meine Lebensmaxime! Aber in letzter Zeit frage ich mich, ob uns diese Einstellung auch manchmal hinwegsehen, hinweg fühlen läßt über manch ein Erlebnis, das uns besser erwachen ließe statt Schmerz immer wieder wegzustecken?

1995 hatte ich mitten in der Nacht einen schweren Unfall in Los Angeles, Long Beach. Eine Amerikanerin hatte mir die Vorfahrt genommen und ich wurde schuldig gesprochen, weil es plötzlich Zeugen gab. Und weil ich keine Vollkasko abgeschlossen hatte, kostete mich dieser Unfall sehr viel Geld – und meinen ersten Bandscheibenvorfall. Als dann noch eine große Liebe endete, deuteten zu viele Zeichen auf „GO BACK home!“, nach sechs Monaten in Kalifornien.

Zwei Jahre später, zurück in Berlin, auf dem Weg ins Fernsehstudio, der nächste Unfall. Auto Totalschaden, die Feuerwehr musste mich aus dem Stoffdach schneiden. Eine Stunde später moderierte ich eine meiner besten Sendungen. Es war wohl der Adrenalinkick! Danach ging´s direkt ins Krankenhaus – Diagnose zweiter Bandscheibenvorfall, schweres Trauma.

In den Folgejahren ließ ich mich dreimal auf feste Jobs ein, wegen einer scheinbaren „Sicherheit“ – einer regelmäßigen Geldquelle. 2006 erkrankte ich nach meinem ersten Arbeitstag so schwer, dass ich auf der Intensivstation landete – geplatzte Zyste im Unterbauch, künstliche Ernährung. Und trotzdem hielt ich sechs Monate durch, um Geld zu verdienen, in einem Büro ohne Licht und Luft. Kurz bevor die Probezeit endete, brach ich zusammen – akuter Vitamin B und D Mangel. Wieder Klinik. Infusionen. Trennung in „gegenseitigem Einvernehmen“. Sechs Monate Lebenszeit, sechs Monate Leidenszeit. War Durchhalten die richtige Entscheidung?

2016 – nach dem Tod meiner Mutter, die ich lange Zeit gepflegt hatte, fuhr ich den ganzen Sommer durch Sachsen und Sachsen-Anhalt, um Reisen zu verkaufen. Die Vorbereitung war extrem anstrengend, dazu kam körperliche Schwerstarbeit. Eines Nachts, auf dem Weg zur nächsten Location, führte mich mein Navi auf ein Feld in the middle of nowhere – ich stand vor einer Herde von Kühen, mein guter Freund Reggie holte mich per Fernnavigation raus. Totaler Zusammenbruch!

2020 der dritte Crash, nach einem viermonatigen Coaching für einen Teleshoppingjob, der dann EINE WOCHE vorher abgesagt wurde. Man hatte sich für eine andere Moderatorin entschieden – von der zuvor keine Rede gewesen war. Blutsturz, Not OP. Eine Woche Krankenhaus, extremer Blutverlust, die Regeneration dauerte viele Monate.

Habe ich auf erste Anzeichen nicht hören wollen, meinem Innersten nicht vertraut? War ich doch getrieben vom Streben nach scheinbarer Sicherheit? Oder war es die starke Susan, die niemals aufgibt? Wo waren mein Urvertrauen, mein Urglaube, mit dem ich zur Welt gekommen bin? Unser Körper weist uns immer dann den Weg, wenn wir auf den Schrei unserer Seele nicht hören wollen, davon bin ich überzeugt.

„Was uns fallen lässt“ – heißt auch unser aktueller ES MUSS EINFACH RAUS gesprochen Podcast: https://esmusseinfachraus.podigee.io/58-esmusseinfachraus-58

Vor einiger Zeit lernte ich eine beeindruckende Frau kennen. Sie heißt Stefanie und lebt mit ihren drei Kindern, vier Hasen, zwei Katzen und einem Hund in Brandenburg. Sie schreibt Poesie und erweckte mitten im Corona-Sommer ihren kleinen Tigerhasen zum Leben, indem sie Geschichten über ihn schrieb und ein ganzes Buch mit ihm illustrieren ließ. Ihre Bücher sind ihre Kraftquellen. Sie lebt ihre Träume, denn ihr Leben zu träumen… dafür hat die gebürtige Berlinerin keine Zeit.

Seit 2011 leidet Steffi an einer neuro-immunulogischen Multisystemerkrankung, manchmal fehlt ihr sogar die Kraft zum Haarewaschen. „Mein Akku ist immer leer,“ sagt sie. Begleitet von Muskel- und Kopfschmerzen, Geräusch- und Lichtempfindlichkeiten. Manchmal bleibt ihr nichts anderes übrig, als im Bett liegen zu bleiben – dann verbringt sie 22 Stunden im dunklen Schlafzimmer. Und trotzdem liebt Steffi ihr Leben, nennt sich selbst einen positiven Menschen. Die Krankheit habe ihr gezeigt, wie wertvoll das Leben ist. Sie schreibt sich ganz viel von der Seele, selbst im Liegen entstehen Geschichten – das ist ihr Seelenfrieden.

Aus einem ihrer Poetry-Slams:
Und trotz des Wissens immer wieder aufstehen zu müssen
Lass ich mich nicht unterkriegen.
Wenn ich liege, muss ich liegen.
Und ich träum weiterhin vom Fliegen.
Und egal, was manch einer mir einreden mag
Auch wenn ich schwach bin, bin ich stark!

Für Frauen wie Stefanie empfinde ich große Bewunderung. Ich spüre ihre Verletzlichkeit, ihre Resilienz und ihre positive Haltung. Sie lebt
diesen Dreiklang und ich kann noch sehr viel von ihr lernen. Während viele andere ihr Leben nur ertragen, schafft es Steffi, ihr Leben und ihre Lieben auf ihren Schultern zu tragen.


Susan Bäthge - Kolumnistin, Moderatorin, Autorin

Hier schreibe ich über das, was mich bewegt, was mir wichtig ist, was mich berührt. All das, was mir im Alltag als Frau, Autorin und Moderatorin begegnet.